Erste Bilder zur Ausstellung

Die Liebe in Löhne

Eine Ausstellung des Heimatmuseums der Stadt Löhne.

Die Idee

Krisen und Kriege bestimmen häufig den Alltag in der Berichterstattung. Was aber dem Museum zur Aufbewahrung und Überlieferung angeboten wird, ist oft von ganz anderer Qualität. Viele Stücke, die als bewahrenswert angesehen werden, sind Zeugnisse besonderer – liebevoller – menschlicher Beziehungen.

Von Andenkenbildern über Hochzeitskleider und Geschirr, das zur Silberhochzeit verschenkt wurde bis zu gerade entstandenen Liebesschwüren als Bahnhofs-Graffiti reichen die Liebesbekundungen, die das Museum gesammelt hat. Manche Stücke erzählen aber auch von einem uralten, spektakulären Giftmord an der ungeliebten Ehefrau oder den materiellen Nöten, in die Höfe in früheren Zeiten durch die festgelegten Brautschatz-Verschreibungen kommen konnten.

Daneben gibt es rührende kleine und größere Denkmäler für Elternliebe zu sehen. Von Andenkenbildern für die verstorbene Tochter bis hin zu einer hölzernen Gedächtniskirche für den Sohn sind sehr persönliche Erinnerungsstücke in die Sammlung gelangt.

Es soll also nicht nur um „die“ romantische Liebe gehen: Zum einen zeigt sich auch in den Ausstellungsstücken, wie sich die Vorstellung von dem, was wir heute mit dem Begriff verbinden, über die Zeit gewandelt hat. Und wie verschieden die Idealvorstellungen von Ehe und Familienleben waren und sind.

Zum anderen bedienen diese rührenden Beispiele ein Ideal, dass es tatsächlich erst seit gut 250 Jahren gibt. Unsere Vorstellung von romantischer Liebe ist kaum mit der Heiratspolitik zu vergleichen, die lange Zeit die Weitergabe von Haus und Hof, Titeln und Rechten gesichert hat. Hierfür muss man sich nicht gleich die Heiratspolitik großer Herrscherhäuser vornehmen. Die auch hier in der Region üblichen Brautschatzverschreibungen, in denen niedergelegt wurde, was Frauen (und Männer) bekamen, wenn sie heirateten, sprechen Bände.

Lassen Sie sich ein auf einen spannenden Einblick zu einem ungeordneten Gefühl und Löhner „Beziehungskisten“!

Liebe ist…


Die Ausstellung hat nicht den Anspruch, eine vollständige Geschichte der Liebe zu erzählen: Sie möchte lediglich den Geschichten hinter einigen Exponaten und Traditionen Raum geben, die normalerweise oft unsichtbar bleiben.

Wer denkt bei einem alten Koffer oder einem noch älteren Paar Schuhe schon an eine Liebesgeschichte? Gleichzeitig machen die Geschichten deutlich, wie so manche museale Sammlung entstanden und gewachsen ist.
Die Stücke, die von privaten Besitzern abgegeben werden, sind oft mit besonderen Erinnerungen verknüpft, sie machen sie für die Besitzer wertvoll. Im Museum verlieren die Stücke oft diese Zuordnung, treten als Teil einer neuen Erzählung auf.

Was von dieser Erinnerung erhalten bleibt, wird schon bei der Übernahme in die museale Sammlung und der Verschriftlichung dieser Erinnerungen festgelegt. Aus der Zusammenschau vieler einzelner Blicke von Menschen auf ihr Umfeld und ihre Lebensgeschichte wird so am Ende ein Stück regionale Geschichtsschreibung.

Ein Blick in die Geschichte

Unsere Vorstellung von dem, was wir unter „romantischer Liebe“ verstehen – die dauerhafte Verbindung von zwei sich liebenden Menschen – ist als gesellschaftlich akzeptiertes Ideal tatsächlich wohl erst etwa 250 Jahre alt. Die Form der Anziehung selbst wird zwar schon seit der Antike die schriftliche Überlieferung einsetzt als besondere Kraft beschrieben, als Eros. Die Leidenschaft galt allerdings als etwas so Kraftvolles und Unberechenbares, dass sie nicht durchgängig positiv besetzt war. Ausgelebt wurde die Leidenschaft außerhalb der Ehe, die in der griechischen und römischen Antike wiederum vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wie der Sicherung des Erbes und der Verbindung von Familien geschlossen wurde.

Auch über große Teile des Mittelalters und der frühen Neuzeit war die ehelichen Verbindung eher unter dem Schlagwort Heiratspolitik zu fassen als unter der Verbindung von Verliebten. Das Motiv des Verliebtseins taucht in der mittelalterlichen Literatur fast ausschließlich mit tragischem Ausgang auf. In der Tradition des Minnesangs ist die Unerreichbarkeit der Geliebten sogar Programm: Besungen werden in der Standeszugehörigkeit besser gestellte, oft verheiratete Damen, der unglücklich Verliebte weiß um die Unmöglichkeit einer Verbindung. Zudem war nach heutigen Schätzungen gut die Hälfte der Bevölkerung von der einzig akzeptierten Form des Zusammenlebens, der Ehe zum Zweck der Familiengründung, ausgeschlossen. Diese wurde durch den Grund– oder Gutsbesitzer bzw. die zuständigen Gilden und Zünfte in der Stadt nur demjenigen erlaubt, der eine Familie auch ernähren konnte.

1761 forderte der Philosoph und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau in seinem Roman „Julie oder Die neue Heloise“, dass Zuneigung und nicht Pflicht als Grundlage eines gemeinsamen Lebens gelten sollten. In der Romantik wurde dann vor allem über die Vermittlung der Literatur aus dem schriftlichen Vorbild der sehnsuchtsvollen Verbindung von Liebenden zum Ehepaar ein gesellschaftlich akzeptiertes Ideal. Einige Jahre nachdem Ludwig Tieck Anfang des 19. Jh. mit der Herausgabe alter Minnelieder für die Wiederentdeckung des Minnesangs sorgte, schrieb Friedrich Schlegel seinen Briefroman „Lucinde“ über die romantische Liebe von Lucinde und Julius. Darin wird der Brauch der arrangierten Ehe verurteilt und als einziger echter Grund für eine Ehe die Liebe gewünscht. Die Erfolge dieser und anderer Veröffentlichungen zeigen, dass die Ansicht breit diskutiert und geteilt wurde. Bis zur Umsetzung dieses Ideals sollte allerdings noch viel Zeit vergehen. Denn die Voraussetzung für die freie Wahl und die Liebesheirat war die ökonomische Selbstständigkeit, die für Viele auch im 18. Jahrhundert noch unerreichbar war.

Schätze zur Hochzeit: Brautschatzverschreibungen

Der Brautschatz wurde oft auf einem geschmückten Leiterwagen, dem "Brautwagen" trasnportiert. Foto: Friedrich Schäffer, Mennighüffen

Erst unter der französischen Besatzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das System der Eigenbehörigkeit oder Leibeigenschaft in unserer Region abgeschafft. Die Abhängigkeit von den jeweiligen Grundherren konnte dann durch die Zahlung einer Ablösesumme beendet werden. Bis dahin blieb die mittelalterliche Einteilung in Grundherren und Abhängige in vieler Hinsicht bestehen. Auch Hochzeiten wurden hiervon berührt, wie Otto Steffen in seiner Bearbeitung der Brautschatzverschreibungen des Hauses Beck schreibt:

Das Land gehörte dem Grundherren, lediglich die Nutzung einer Hofstätte konnte durch den Hoftstättenbesitzer vererbt werden. Dem Grundherrn unterstand er hinsichtlich der Nutzung der Hoftstätte und dem Leibherrn (der oft mit dem Grundherrn identisch war) hinsichtlich seiner persönlichen Freiheit und der seiner Familienmitglieder. Die genauen Regelungen über Hand– und Spanndienste (Arbeitsdienste für den Grundherrn) und Abgaben sind für die Region über Akten des Fürstbistums Minden und der Grafschaft Ravensberg aus unterschiedlichen Zeiten nachvollziehbar.

Die Nutzung der Hofstätte konnte nur ungeteilt vererbt werden, in Minden-Ravensberg geschah die Übergabe oft mit der Heirat des Erben. In der Regel erbte in der Region der jüngste Sohn, es sei denn, es gab Gründe die für ein Geschwister sprachen. Für Gohfeld ist über die Kirchenbücher des 18. Jahrhunderts belegt, das trotz dieses Rechtes in 25% der Fälle Frauen Erbinnen waren. Die nicht erbberechtigten Söhne und Töchter hatten Anspruch auf eine Abfindung, die gesetzlich nicht geregelt war und ausgehandelt werden musste:

Die Gutsverwaltung hatte dabei ein erhebliches wirtschaftliches Interesse, dass die Hofstätten durch hohe Brautschätze nicht zu sehr belastet wurden. Für die Hofstättenbesitzer dagegen bedeutete ein hoher Brautschatz doppelten Gewinn: Die vom Hof ziehenden Kinder hatten so eine bessere Möglichkeit, eine „gute Partie“ zu machen – und mussten nach einer Heirat nicht mehr mit versorgt werden. Außerdem ging die Hälfte allen Besitzes eines Hofstättenbesitzers bei seinem Tod an den Grundherrn – ein Verlust für das Familienvermögen, wenn es nicht vorher an die nächste Generation weitergegeben werden konnte!

Die Höhe der Abfindung – der Brautschatz, dazu Freibrief oder Weinkauf (Ablösung beim Auszug oder Geldleistung beim Einzug in eine neue Herrschaftssituation) – wurden der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der weiteren vorhandenen Miterben entsprechend zwischen den Eltern des Hochzeitspaares ausgehandelt. Ohne die Zustimmung des Grundherrn war dies nicht möglich. In den Gutsakten sind die Brautschatzverschreibungen der Hofstätten vom Heuerling über Brinksitzerstätten, Kötter und Halbmeier deshalb gut dokumentiert worden.

Ein halber Brautwagen

Hier steht die Zusammenstellung eines halben Brautwagens, wie er zum Ende des 18. Jahrhunderts nach einer überlieferten Liste aus Hausberge üblich war. 

Im Interesse des Museums erfolgte der Aufbau ohne die Kuh und das Getreide. Die Menge an Getreide ist nach der Umrechung der alten Maßeinheiten recht übersichtlich. Ein Himten (auch in der Schreibweise Himpten überliefert) entsprach in Westfalen 4 Scheffeln. Ein westfälischer Scheffel wiederum wurde bis zur einheitlichen Einführung des metrischen Systems in Deutschland im Jahr 1872 mit 33,66 Litern gerechnet. Mit dem „Neuscheffel“ ab 1872 waren es dann überall in Deutschland 50 Liter.

Damit auf den ersten Blick sichtbar wird, dass das Museum nicht über einen einheitlich erhaltenen Brautschatz aus der Zeit verfügt, wurden bewusst ganz unterschiedliche Möbel und Ausstattungsstücke für diese Übersicht zusammengestellt. Sie vermitteln einen ersten Eindruck von einer einfachen Ausstattung.

"Der Hochzeitsbitter" Foto aus dem Atelier Friedrich Schäffer, Mennighüffen

Die Brautschatzverschreibungen der „Löhner“ Bauerschaften bieten einen guten Überblick über das Heiratsverhalten der bäuerlichen Bevölkerung. Hochzeiten und Mitgiftsverzeichnisse der Handwerker, Lehrer und auch der besitzlosen Bevölkerung finden sich hier selbstverständlich nicht: Es handelt sich um Verträge, die mit den Grundherren über den Umgang mit dem jeweiligen Erbe der Hofstätten geschlossen wurden. Zudem sind sie auf die jeweils überlieferten Zeiträume beschränkt. Bei einem Blick auf die „Brautschätze“ wird deutlich, wie stark sich die Hofstätten in ihrer Wirtschaftskraft unterschieden. Neben den Heuerlingen, die ohne eigenen Besitz zur Pacht lebten und daneben entweder in der Landwirtschaft auf größeren Höfen oder im Handwerk arbeiteten, lassen sich die Höfe in drei große Gruppen einteilen:

  • Halbmeier, die bäuerliche Oberschicht, die von der Landwirtschaft lebten und im Normal – fall Überschüsse erwirtschaften kann
  • Kötter, die über ausreichend Land verfügten, um von der Landwirtschaft leben zu können, aber in Krisenzeiten (wie etwa Dürren) auf Zuverdienste angewiesen waren
  • Brinksitzer, die die Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben und hauptsächlich als Hand werker oder Kaufleute tätig waren.

Aus dieser Zusammenstellung wird deutlich, dass sich auch der Brautschatz zwischen diesen Gruppen stark unterscheiden musste: Was üblicherweise dazu gehörte, finden Sie nebenstehend auf den „Hochzeitslisten“ – dem Abdruck des Attestes von 1783 aus Hausberge.

Heuerlinge konnten häufig keinen eigenen Besitz oder nur wenige Gegenstände einbringen und heiraten daher fast ausschließlich unter einander oder in kleinere Hofstätten. Bei Kleinbauern ist häufig nur ein geringer Anteil eines „landüblichen“ Brautschatzes vorhanden, es fehlen oft das sog. Ehrenkleid, Vieh oder Korn.

Ein schönes Beispiel, wie unterschiedlich die Brautschätze ausfallen konnten, liefert eine Hofstätte aus der Nähe des Museums: Bischofshagen 4, die Peter Mielke in seiner Untersuchung des Heiratsverhaltens im Kirchspiel Gohfeld gegenüberstellt:

„Der Halbmeierwitwer Johann Heinrich Wilhelm Luenekensmeyer von Bischofshagen 4 heiratet im Jahre 1797 die Anne Marie Ilsabein Rüter aus Spradow (bei Bünde), die keine Angehörigen mehr hatte und deren elterliche Stätte verkauft war. Deswegen brachte sie als Brautschatz nichts anderes mit als die Auszeichnung, eine „gute, tüchtige Haushälterin“ zu sein. Ein Brautschatz war auch nicht notwendig, denn der Anerbe Friedrich Wilhelm Lückensmeyer (Sohn des Witwers aus 1. Ehe) schritt acht Jahre später zur Heirat. Seine Ehefrau stammte vom Hof Besenkamp 3 (bei Enger) und brachte *…+ mit: 600 Taler, davon 400 Taler bei Vertragsschluss und den Rest beim Brautwagen: 1 Pferd, 3 Kühe, 3 Rinder, 6 Schweine, 1/2 Fuhre Korn, einen vollen Brautwagen, ein beschmiedetes Wagengestell (einmalig für Gohfeld), ein doppeltes Ehrenkleid für Braut und Bräutigam sowie den Weinkauf.

Ganz in Weiß?

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Jahre heiratete man im Normalfall in den Sonntagskleidern. Spezielle Hochzeitskleider oder –anzüge hatten bis dahin nur im adligen Umfeld und im gehobenen Bürgertum Tradition.                    

Die Farbe der Sonntagskleidung oder Tracht war regional unterschiedlich. Schwarz galt dabei allgemein seit dem 16. Jahrhundert als Zeichen der Frömmigkeit. In Löhne dominierte noch lange die tiefschwarze Tracht, die in der Zeit der Erweckungsbewegung aufgekommen war.

Heute gibt es Hochzeitskleider in jeder Form und Farbe, für Viele aber bleibt das weiße Brautkleid das Ideal.

In der Zeit der Weimarer Republik setzte sich das weiße Brautkleid,   das Unschuld und Reinheit der Braut symbolisierte, allgemein durch. Es war bis dahin Adel und Bürgertum vorbehalten, die Geld für ein Kleid aufwenden konnten, dass sich nicht im Alltag bewähren musste. Ursprünglich soll diese Mode  des hellen Brautkleids Maria de Medici bei ihrer Hochzeit mit Heinrich IV. um 1600 angestoßen haben.

Die Liebe im 20. Jahrhundert

Ausschnitt aus einer Zeichnung von Friedrich Schäffer, Mennighüffen

Von Löhner Bräuchen rund um Verlobung und Hochzeit vor gut 100 Jahren erzählte der Lehrer August Göhner in seinem Buch. Zum Beispiel vom „Schatten“, dem Brauch der Kinder, den Hochzeitszug mit einem gespannten Seil aufzuhalten und erst gegen Süßigkeiten wieder freizugeben.

Gesamtgesellschaftlich gab es im 20. Jahrhundert mehrere zum Teil gegensätzliche Neuorientierungen im Blick auf Liebe, Ehe und Sexualität. Nur selten kamen die Entwicklungen in den Großstädten und „auf dem Land“ gleichzeitig an.

Zu Beginn des Jahrhunderts war der Rahmen, den Kirche und Etikette der Kaiserzeit für Liebe und Sexualität vorgaben, weiterhin eng gezogen. Sexualität war ein Tabuthema und nur in der Ehe erlaubt. Die Frau hatte als Hausfrau und Mutter ihrem Mann Gehorsam zu leisten. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende der Kaiserzeit setzte eine langsame Befreiung aus diesen alten Strukturen und Ordnungen ein.

In der Weimarer Republik war Sexualität kein Tabuthema mehr, auch Homosexualität wurde erstmals öffentlich angesprochen. Sie blieb zwar zunächst verboten, wurde aber geduldet. Außerdem entstand – in den Städten deutlicher als auf dem Land zu sehen – ein neues, emanzipiertes Frauenbild. Frauen erhielten mit dem Reichswahlgesetz vom 30. November 2018 erstmals das aktive und passive Wahlrecht. Gerade junge Frauen drängten in den Arbeitsmarkt. Noch wurde ihnen allerdings oft mit der Heirat gekündigt, der Ehemann behielt außerdem das Recht, für die Frau zu entscheiden, ob sie arbeitet und verfügte auch weiterhin über das eheliche Vermögen

Viele Freiheiten wurden in der Zeit des Nationalsozialismus wieder zurückgenommen, einer Zeit, in der die Familie stark ideologisiert wurde. Damals wurde die Familienpolitik darauf ausgerichtet, die „Gesundheit des Deutschen Volkes und der deutschen Familie“ unter anderem über die sogenannten „Rassengesetze“ zu sichern.

Im „Blutschutzgesetz“ von 1935 wurden Eheschließungen und Verkehr zwischen „Ariern und anderen Rassen“ verboten. Es soll eine Vermischung von deutschem und dem als minderwertig angesehenen Blut anderer Abstammung vermieden werden. Vergehen wurden hart bestraft. Verboten wurden auch Homosexualität, Verhütung und Abtreibung.

Zur Familienpolitik gehörte der Versuch, die Geburtenrate unter anderem durch finanzielle Anreize zu steigern. Denn ohne eine Erhöhung der Geburten sei das Deutsche Volk in seinem Fortbestand bedroht. Ab 1939 wurde das sogenannte Mutterkreuz in verschiedenen Klassen verliehen: Ab vier Kindern gab es das Bronzene, ab sechs das Silberne und ab acht Kindern das Goldene Mutterkreuz. In dieser Vorstellung gehörte die Frau als Hausfrau und Mutter an den Herd, schon errungene Rechte wie das Frauenwahlrecht aus dem Jahr 1919 wurden wieder aberkannt.

Sogenanntes "Verlobungsgeschirr" für die ersten erlaubten Kontakte unter Verlobten und ein Kochbuch, das als Hochzeitsgeschenk diente.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten eine schrittweise Liberalisierung der Gesellschaft. Aber nur langsam gelang auch der Abstand von den strengen kirchlichen Moralvorstellungen, die im gesellschaftspolitischen Rückgriff auf „Altbewährtes“ vor allem die sprichwörtlich gewordenen „prüden 50er Jahre“ prägten. Diese Rückkehr zum eigentlich überwunden Geglaubten wollte die erste Nachkriegsgeneration nicht weiter mittragen.

In den 1960er Jahren setzte ein schneller Wertewandel im Bereich Liebe, Familie und Sexualität ein, der durch den Kinsey-Report und die sich emanzipierenden Medien gestützt wurde. Beate Uhse begann schon in den 1950er Jahren ihren erotischen Versandhandel, in Magazinen und im Fernsehen wurden Sexualität und Nacktheit häufiger ein Thema. 1961 kam schließlich das erste hormonelle Verhütungsmittel, später nur noch „die Pille“ genannt, auf den Markt: Eine weitgehende Familienplanung wurde möglich und auch außereheliche Kontakte, die in der Adenauer-Ära als Unzucht galten, profitierten. Der zunächst langsame Wandel gipfelte in der Studentenbewegung und sexuellen Revolution Ende der 1960er Jahre mit dem Ideal der freien Liebe und der sexuellen Selbstbestimmung.

Bei aller „Revolution“ blieben viele alte rechtliche Rahmenbedingungen für Liebesbeziehungen und Ehe bis in die 1970er Jahre bestehen. Der Paragraph 180, der sogenannte Kuppeleiparagraph, der vorehelichen Verkehr und Prostitution verhindern sollte, wurde erst 1974 abgeschafft. Bis dahin enthielten zum Beispiel viele Mietverträge Klauseln, wann bei Unverheirateten Männern Damenbesuch erlaubt sei. Eine gemeinsame Wohnung konnten eigentlich nur Verheiratete mieten. 1958 trat in der BRD das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau“ in Kraft . Erst jetzt konnten Frauen ein eigenes Konto eröffnen und über ihr Vermögen entscheiden. Bis 1977 durfte die Ehefrau aber laut Eherecht nur dann einer Beschäftigung nachgehen, wenn dies „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war“.

Noch deutlich später folgten Regelungen zum Umgang mit Gewalt in der Ehe und zur Regulierung des Sorgerechts. Weitere Reformen des Rechtes folgten bis zur heutigen rechtlichen Gleichstellung der Ehepartner und der schließlich im Jahr 2017 errungenen Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Plakat zur Veranstaltung "Heiratsmarkt" in Wegeners Tenne, Privatbesitz

An „Wegeners Tenne“ kam in Löhne kaum jemand vorbei. Viele Paare aus Löhne und Umgebung haben sich hier kennen gelernt, manche sogar auf dem „Heiratsmarkt“ geheiratet. Im Museum sind neben Fotos auch Eintrittskarten, Plakate und eine Heiratsurkunde erhalten geblieben.

Und heute?

Nicht wenige sprechen heute angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit wechselnden Partnerschaften, der sinkenden Zahlen von Eheschließungen und steigender Scheidungsraten von einem Ende der Liebe.

Doch das Ideal, den einen passenden Traumpartner/ die Traumpartnerin zu finden, scheint ungebrochen. Und die Möglichkeit, dieses Ideal auch leben zu können, wirkt bei allen heutigen Freiheiten größer denn je.

Es gibt allerdings auch die Beobachtung, dass gerade diese Freiheit Schwierigkeiten bereiten kann. Schon Goethe schrieb über die Liebe: „Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige: denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unend-lichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende.“ Und Sven Hillenkamp schreibt, dass ausgerechnet die unendliche Freiheit in der Partnerwahl, die heute nicht mehr durch den Standesunterschiede, Alter, Geschlecht oder auch soziale Stigmatisierung bei einem Partnerwechsel begrenzt wird, in der Liebe zu großer Unzufriedenheit führe. Bei aller Vielzahl der Möglichkeiten herrsche nach wie vor das Ideal der romantischen Liebe vor, den einen Traumpartner zu finden. Auf der Suche nach diesem Traumpartner würden Beziehungen aber häufig dann scheitern, wenn der Gedanke aufkäme „es könne noch besser sein“, man müsse nur weiter suchen. Am Ende führe dies zu Selbstzweifeln: Warum finde ausgerechnet ich nicht den/die Richtige? Als bestes Beispiel für die Sichtbarkeit dieser Einstellung nennt er Tinder und vergleichbare Dating-Apps, die mit dem Versprechen, das passende „Match“ zu bieten, Millionen Nutzer anziehen.

Tatsächlich werden zwar heute ein Drittel der Ehen geschieden, aber das bedeutet auch, dass zwei Drittel halten. Und da heute zudem viele Paare ohne Trauschein leben, kommen sicher ungezählte glückliche Geschichten zu dieser Statistik hinzu. Der Wert, der der Beständigkeit in der Zweisamkeit zugemessen wird, erscheint auch in ganz schlichten Symbolen überdeutlich, wie etwas in den seit Jahren überall (auch in Löhne) auftauchenden Liebesschlössern. Das Schloss wird an einem gut sichtbaren Punkt auf einer Brücke aufgehängt und geschlossen, der Schlüssel in den Fluss geworfen. Fast wie in dem Gedicht eines unbekannten Autors aus dem 12. Jahrhundert:

Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin. Du bist beslozen In minem Herzen; verlorn ist das Slüzzelin: du muost immer drinnen sein.


Fundstücke aus Löhne

Ob als hastig gestrichelter Gruß an Freunde und Freundinnen, ein in den Baum eingeritztes Herzchen für die große Liebe, als aufwändiges Graffiti oder schnell mit einem Stift gepinselt: Liebeserklärungen der einen oder anderen Art finden sich in Löhne tatsächlich fast an jeder Ecke.

Vielleicht suchen Sie ja demnächst mit? Wir freuen uns über Ihre Bilder von Fundstücken aus Löhne und veröffentlichen sie gerne in unserer Online-Galerie.

Fußgängertunnel am Städtischen Gymnasium Löhne
Am Festplatz

Verliebt, verlobt…

Laut einer Studie aus den Jahren 2019/ 2020 gaben Paare in Deutschland für eine Hochzeit im Durchschnitt € 13.000 aus. Damit ist der „schönste Tag des Lebens“ ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor.

Weitere Stichworte aus der Studie:  In Nordrhein-Westfalen wünschten sich noch 44 Prozent eine kirchliche Hochzeit, wie in vielen Bundesländern steigt auch hier der Trend zu einer Freien Trauung. Zwei Drittel aller Paare fuhren nach der Hochzeit in die Flitterwochen. Und mittlerweile 23 Prozent fanden Ihre „bessere Hälfte“ über das Internet und Dating Apps. Nicht zu vernachlässigen sind die Gründe für eine Heirat.

Immerhin sprachen noch 95 Prozent davon, dass sie aus Liebe heirateten. 57 Prozent gaben an, dass rechtliche Vertretungsgründe ein wichtiger Grund seien und 20 Prozent nannten als ebenso wichtigen Grund steuerliche Privilegien.

Heiraten in Löhne und anderswo

Villa Meyer, Bild: Stadt Löhne

Für die rechtliche Anerkennung einer Ehe ist in Deutschland die standesamtliche Trauung entscheidend. Zuständig für alle Trauungen in Löhne ist das Löhner Standesamt im Rathaus der Stadt. Noch im frühen Mittelalter wurden Ehen durch Laien – oft das Familienoberhaupt – in bestimmten traditionellen und regional durchaus unterschiedlichen Formen geschlossen. Ab dem 10. Jahrhundert wurde es üblich, den Segen der Kirche für die Verbindung einzuholen. Mit der Ausdehung der kirchlichen Macht wurde schließlich im Jahr 1225 beschlossen, dass Trauungen nur noch von einem Priester vorgenommen werden dürfen. Mit der Reformation wurde die Anerkennung der Ehe dadurch kompliziert: Wer durfte wen unter welchen Bedingungen trauen? Schwer zu entscheiden etwa bei religiösen Minderheiten oder unterschiedlichen Konfessionen der Ehepartner. Erst die Aufklärung brach mit der Macht der Kirche und definierte eine neue Rolle des Staates.

Zunächst wurde in Frankreich nach der Französischen Revolution die Zivilehe Standard, in Deutschland wurde die zivile Trauung 1848 durch die Frankfurter Nationalversammlung eingeführt. Im Deutschen Reich wurde sie dann 1876 mit dem „Reichsgesetz für die Beurkundung des Personenstandes und der Eheschließung“ zur Voraussetzung für eine mögliche aber nicht mehr gebotene kirchliche Trauung.

In Löhne heiraten nach der Auskunft des Standesamtes im Durchschnitt der letzten zehn Jahre gut 200 Paare im Jahr. Auch nicht in Löhne lebende Paare können sich hier trauen lassen. Seit mehr als 25 Jahren gibt es hierfür ein Trauzimmer in der Villa Meyer, die dem Rathaus direkt gegenüber liegt. Geheiratet werden kann in Löhne mittlerweile aber auch im Trauzimmer in der Villa Mühlenbach. Obwohl im letzten Jahr durch die Corona-Pandemie fast durchgängig nur in sehr kleinem Kreis geheiratet werden durfte, haben sich genau so viele Paare aus Löhne das Ja-Wort gegeben wie im Jahr 2019: genau 231.

Die dunkle Seite der Liebe…

Das grausame Ende einer Ehe

Eine der grausamsten Geschichten um eine gescheiterte Liebesbeziehung, zu der sich noch in den Löhner Akten Aufschluss finden lässt, wurde vor Jahren von Kurt Bobbert aus dem Aktenbestand rekonstruiert. Sie handelt von dem Bauern Henrich Wilhelm Töllner, der 1778 geboren wurde.

Im Alter von 19 Jahren heiratete er die neun Jahre ältere Anne Marie Elisabeth Cramer aus Westscheid, mit der er eine Familie gründete. Als sie mit dem zweiten Kind im Kindbett lag, starb sie am 21.2.1804 überraschend. Da die Ehe auch für Außenstehende sichtbar unglücklich gewesen sein soll, wurde schnell der Verdacht laut, sie sei nicht natürlich gestorben. Tatsächlich wurde aufgrund dieses Verdachts im Mai 1804 die Exhumierung vorgenommen: Töllner versuchte noch zu fliehen, konnte aber gefasst werden und gestand die Vergiftung seiner Frau.

Aufgrund der Schwere der Tat übernahm das Mindener Criminalkollegium die Verhandlung des Falls. Nach der Inhaftierung Töllners in Minden und einer Verhandlungsdauer von fast einem Jahr wurde er zum Tod durch das Rad – von unten auf mit anschließendem Aufflechten des Körpers auf das Rad – verurteilt. Die Strafe, die seit der Constitutio Criminalis Carolina aus dem Jahr 1532 für besonders schwerwiegende Taten verhängt wurde, sollte auf dem Gebiet des Hauses Beck, das in diesem Fall für die Gerichtsbarkeit zuständig war, vorgenommen werden.

Nachdem schon die Verhandlung vom Mindener Gericht übernommen worden war, lag es nun bei der Gutsherrin Friederike Wilhelmine von Borries (der Witwe des Geheimen Rates Franz Christian von Borries und im Jahr 1804 Grundherrin auf Haus Beck, Ulenburg, Gut Schockenmühle und Haus Gohfeld), den Verurteilten aus Minden abholen zu lassen, für seine Bewachung, die Stellung eines Pastors für die Betreuung des Mörders und die Hinrichtung zu sorgen.

Am 13. Dezember 1805 wurde Töllner im Alter von 27 Jahren auf dem höchsten Punkt des Eggeweges gerädert. Der Ort wird seitdem auch „Töllnerbrink“ genannt.

Beziehungsarbeit

Leider ist häusliche Gewalt kein Thema, das überwunden ist und auf das sich rein historisch blicken ließe. Allein in Nordrhein-Westfalen verstarben im Jahr 2019 31 Menschen an den Folgen häuslicher Gewalt. Insgesamt haben sich im selben Zeitraum in NRW 38000 Opfer bei der Polizei gemeldet und Anzeige gestellt. Hier wurde bewusst das Wort „Menschen“ gewählt, denn diese Form der Gewalt trifft zwar zum allergrößten Teil – zu 83 Prozent – Frauen, aber auch Männer werden Opfer.

Im Kreis Herford führen neben der Polizei, bei der in der Statistik nur die angezeigten Fälle auftauchen, auch die Beratungsstellen Buch. Die dort auflaufenden Zahlen Hilfesuchender Menschen sind deutlich höher. Allein bei der Frauenberatungsstelle Herford waren es im Jahr 2018 227 Fälle, lediglich in 33 davon wurde von der Polizei nach Stellung einer Anzeige ermittelt.

Aktuell gehen Viele davon aus, dass es durch die Kontaktbeschränkungen und die gleichzeitige Isolation in den Familien während der Corona-Pandemie zu mehr Fällen von häuslicher Gewalt kommt, gleichzeitig durch die fehlenden Kontakte nach Außen aber bei einer hohen Dunkelziffer. Genau deshalb taucht es in dieser Ausstellung auf – nicht mit historischen Exponaten sondern mit Hinweisen auf Hilfsangebote aus dem Angebot der Gleichstellungsstellen:

Im Kreis Herford erfolgt in der aktuellen Gewaltsituation Hilfe durch die Polizei (Notrufnummer 110), die gegen den Täter eine Wohnungsverweisung und ein Rückkehrverbot für 10 Tage aussprechen kann. Beim Amtsgericht können Verlängerungen des Rückkehrverbots persönlich oder durch anwaltliche Hilfe erwirkt werden. Außerdem bieten verschiedene Beratungsstellen Hilfe und Unterstützung an:

 Die Frauenberatungsstelle Herford e.V. (Tel.: 05221 / 88 99 000, http://www.frauenberatungsstelle-herford.de)  femina vita, Mädchenhaus Herford e.V. für Mädchen und Frauen bis 27 Jahre (Tel.: 05221 / 50622, http://www.feminavita.de)  Das Frauenhaus Herford e.V. (Tel.: 05221 / 23883, http://www.fraunhaus-herford.de)  Die Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Kreises Herford (Tel.: 05221 /13 1638, http://www.kreis-herford.de)  Die AWO Fachdienste für Migration und Integration (Tel.: 05732 / 949551, http://www.awofachdienste-migration.de)  Der Weiße Ring e.V. (Tel. 0152 / 651 070 90)  Die Opferschutzbeauftragte der Kreispolizeibehörde Herford (Tel.: 05221 / 888-1714).

Männliche Opfer und Täter können sich an die Jungen- und Männerberatung im SKM Herford e.V. wenden (Tel.: 05221 / 2777812, http://www.skm-herford.de). Weitere Auskünfte erteilen auch die Gleichstellungsbeauftragten in den Rathäusern des Kreises!

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